Die Siedlung Ostheim

Ein einzigartiges Quartier in Stuttgart.

Alte Kinderkrippe

Die Kinderkrippe um 1900

Im Osten Stuttgarts erstreckt sich zwischen Haußmannstraße und Rotenbergstraße die Siedlung Ostheim. Die kleinen Häuser mit ihren Erkern und Giebeln strahlen Gemütlichkeit aus. Die Architektur erinnert an zeitgenössische Gründerzeitvillen, nur sind die Gebäude viel kleiner.

Ostheim ist nicht nur architektonisch etwas Besonderes: Gebaut hat die Siedlung ab dem Jahr 1892 der Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen. Mitten in der industriellen Revolution entstehen hier gute Wohnungen für die untersten Einkommensschichten. Und die Mieter können ihr Haus sogar erwerben: Der Verein entwickelt ein Mietkaufsystem, das in Deutschland bis dahin einzigartig ist.

Der Verein – heute heißt er Bau- und WohnungsVerein Stuttgart (BWV) und hat seinen Firmensitz im Gebäude der ehemaligen Kinderkrippe von Ostheim – hat bis zum ersten Weltkrieg wesentlichen Anteil am sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbau in Stuttgart. Ostheim, das erste große Bauprojekt des Vereins, kommt dem Ideal einer bürgerlichen Architektur für die kleinen Leute allerdings am nächsten.

Es ist glücklichen Umständen zu verdanken, dass Ostheim den zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden hat. In den letzten Jahren kauft der BWV viele der historischen Gebäude zurück und saniert sie. Heute erstrahlt Ostheim nach und nach wieder in altem Glanz, die Wohnungen sind bei Mietern sehr beliebt.

Im Juni 2013 hat der BWV auf der anderen Seite der Ostendstraße, zwischen Raitelsbergstraße und Alfredstraße, ein Mehrgenerationen-Quartier eingeweiht. Der demografische Wandel prägt die Städteplanung immer mehr. Und wie schon im 19. Jahrhundert steht Ostheim auch in Zukunft für eine Wohnkultur, in der nachbarschaftliche Gemeinschaft wachsen kann.

Am 08. März 2016 feierte der BWV sein 150-jähriges Bestehen. Anlass, diese besondere Siedlung und ihre bewegte Geschichte vorzustellen.

Gestern: Die Entstehung der Siedlung und ihre Besonderheit

Eduard Pfeiffer um 1900

24. November 1835

Gotthilf Eduard Pfeiffer wird am 24. November 1835 in Stuttgart geboren. Er stammt aus einer wohlhabenden, jüdischen Bankiersfamilie. Sein Vater, Hofbankdirektor Marx Pfeiffer, war in erster und zweiter Ehe mit Töchtern der Stuttgarter Familie Kaulla verheiratet, den Mitgründern der Württembergischen Hofbank. Pauline Wittersheim, Tochter des einflussreichen Oberrabbiners von Metz und Mutter von Eduard, heiratete er 1823 in dritter Ehe. Eduard ist das jüngste von insgesamt 13 Kindern Marx Pfeiffers.

30. September 1842

Als sein Vater stirbt, ist Eduard Pfeiffer noch keine sieben Jahre alt. Er wächst jedoch in dem engen und warmen Familienzusammenhalt der Großfamilien Kaulla und Pfeiffer auf.

1850 bis 1852

Pfeiffer besucht die Polytechnische Schule in Stuttgart, dort ist er zunächst für die Fachrichtung „Ingenieur“ eingeschrieben, dann für die Fachrichtung „Kaufmann“.

15. August 1857

 

Die renommierte „Ecole Centrale des Arts Manufactures“ in Paris graduiert Pfeifer zum Diplomingenieur mit Fachrichtung Chemie.

 

1857 bis 1862

Nach seinem Examen studiert Eduard Pfeiffer Nationalökonomie und Finanzwissenschaft in Leipzig, Heidelberg und Berlin. Er unternimmt ausgedehnte Reisen durch Frankreich, Italien und wahrscheinlich in weitere europäische Länder. 1862 besucht er die Weltausstellung in England. Dort lernt er auch das englische Arbeitergenossenschaftswesen kennen, was für sein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung sein sollte: Pfeiffer wird zum ideenreichen und konsequenten Vorkämpfer für soziale Reformen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der lohnabhängigen Arbeiter.

Seit den frühen 1860er Jahren ist Eduard Pfeiffer in der Politik aktiv: Er ist Mitglied der Fortschrittspartei, einer Honoratiorenpartei, die sich locker um liberale Landtagsabgeordnete gruppiert. Viele Parteifreunde, die er hier findet, werden zu treuen Wegbegleitern.

1863

Sein Vermögen erlaubt es Pfeiffer, ohne feste Anstellung als freier Schriftsteller und Privatgelehrter zu leben. Sein erstes Buch erscheint 1863: „Über Genossenschaftswesen. Was ist der Arbeiterstand in der heutigen Gesellschaft? Und was kann er werden?“ Eduard Pfeiffer gilt als wichtiger Pionier der Genossenschaftsbewegung in Deutschland, er sah in ihr die Chance, der Arbeiterklasse Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten.

„Merkt es Euch, Ihr Mächtigen und Reichen, die Ihr behaglich dahinlebt, ohne Euch um das Loos Derer zu bekümmern, durch die allein der ganze Comfort, der Euch umgibt, geschaffen wurde! […] Der Proletarier hat angefangen, das Drückende, das Ungerechte und entwürdigende seiner Lage einzusehen. Er wird sie ändern! Alles kommt nur darauf an, daß die Bewegung zum allgemeinen Besten geleitet werde. Um Eurer selbst willen, im Interesse der Menschheit verschließt Euer Ohr nicht gegen die Stimmen, die es versuchen, den richtigen Weg anzugeben, und stemmt Euch nicht gegen die ruhige Bewegung, damit sie nicht zum verheerenden Strome anschwelle, vielmehr begünstigt und fördert sie, so viel es in Euren Kräften steht, es muß Euch dies Euer eigenes enges und egoistisches Interesse so angeben, wenn es Euch nicht die Menschlichkeit gebietet!“ (Eduard Pfeiffer, in „Über Genossenschaftswesen“. Zitiert nach: „125 Jahre Bau- und Wohlfahrtsverein Stuttgart“, Wolfgang Schmierer, Hans Weber, S. 15)

 

1864

1863 bittet der Stuttgarter Arbeiterbildungsverein Eduard Pfeiffer, bei der Gründung eines Konsumvereins zu helfen. Pfeiffer entwirft das Betriebskonzept und übernimmt im November 1864 den Vorsitz im Verwaltungsrat des Consum- und Ersparnisverein. Das Unternehmen wächst schnell, wird von den Arbeitern angenommen und kann schon bald eigene Läden eröffnen.

Ebenfalls 1864 tritt Pfeiffer dem Arbeiterbildungsverein bei und übernimmt ein Jahr später das Amt des Hauptkassiers. Er sollte das Amt 37 Jahre lang behalten.

1865

Veröffentlichung seines zweiten Buches: „Die Consumvereine, ihr Wesen und Wirken.“ Pfeiffer bietet in diesem Buch eine praktische Anleitung zur Gründung und zum Betrieb von Konsumvereinen.

Eduard Pfeiffer hat entscheidenden Anteil an der Gründung des Arbeitsnachweisbüros. Dieses vermittelt, vermutlich erstmals in Deutschland, Arbeit ohne kommerzielles Eigeninteresse.

Um die expansionsbedürftige heimische Industrie zu fördern, setzt sich Pfeiffer für die Gründung der Württembergischen Vereinsbank ein. Im März wird für die Geschäftsbank das Konzessionsgesuch eingereicht. Vier Jahre später, 1869, kann die Bank eröffnet werden. Pfeiffer wird in den Aufsichtsrat gewählt. Für die Anfangszeit übernimmt er kommissarisch den Vorsitz des Verwaltungsrats. Im selben Jahr noch beteiligte sich die Vereinsbank an der Gründung der Deutschen Bank.

1866

Sein umfangreichstes Buch erscheint in zwei Bänden: „Die Staatseinnahmen. Geschichte, Statistik, Kritik“. Für die Veröffentlichung erhält er den Doktortitel.

20. März 1866

Pfeiffer ist im Stuttgarter Besitzbürgertum bestens vernetzt. Das ermöglicht ihm im Frühjahr 1866 die Gründung des Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen. Dieser ist zunächst als Förderverein für den Arbeiterbildungsverein und den Konsumverein gedacht. Der Verein erlebt in den folgenden Jahren und unter der Leitung Pfeiffers jedoch einen beeindruckenden Aufschwung und nimmt maßgeblich Einfluss auf die Stuttgarter Stadtentwicklung.

 

1866

Am 7. August gründet Pfeiffer gemeinsam mit seinen Freunden Hölder, Steiner, Müller und Siegle die nationalliberale Partei Württembergs unter dem Namen „Deutsche Partei“. Die Partei tritt für die Errichtung eines Nationalstaates unter der Führung Preußens ein. Pfeiffer finanziert die Parteizeitung und wird Mitglied des wenig später gewählten Landesvorstandes.

1868

Im Frühjahr 1868 kandidiert Pfeiffer im Wahlkreis Ulm für das Deutsche Zollparlament, er unterliegt jedoch gegen den Tübinger Volkswirtschaftsprofessor Albert Schäffle. Wenige Monate später siegt er jedoch bei der Landtagswahl und zieht als jüngster Abgeordneter in den württembergischen Landtag ein.

Nach acht Jahren, 1876, verzichtet Pfeiffer auf eine erneute Landtagskandidatur.

 

1872

1872 heiratet Pfeiffer Julie Benary, die 29jährige Witwe des Pariser Bankiers Benary und Tochter aus der Frankfurter Bankiersfamilie Kann. Sein Vermögen vergrößert sich damit noch einmal beträchtlich. Um 1910 besitzt das Ehepaar über 10 Millionen Goldmark, womit sie zu den reichsten Bürgern im Königreich Württemberg gehören. Zeitlebens setzt Pfeiffer sein Vermögen gezielt für das Gemeinwohl ein. Seine Frau unterstützt ihn dabei und arbeitet tatkräftig im Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen mit.

Pfeiffer gehört vielen weiteren Vereinen und Einrichtungen an. Als Mitglied von Aufsichtsräten in führenden württembergischen Unternehmen übt er einen bedeutenden Einfluss auf das Wirtschaftsleben in dem Land aus

1877

 

Nach dem Ende seiner politischen Karriere übernimmt Pfeiffer den Vorsitz des Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen, den er bis kurz vor seinen Tod 1921 behält.

 

 

1884

Aufgrund seiner Verdienste wird Pfeiffer zum Geheimen Hofrat ernannt.

1900

Pfeiffer bekommt das Ehrenkreuz des Ordens der württembergischen Krone verliehen. Damit verbunden ist der Personaladel; er darf sich von nun an „von“ Pfeiffer nennen. Von diesem Privileg macht er allerdings nur sehr selten gebrauch.

1909

Wegen seiner Verdienste um die Altstadtsanierung ernennt die Stadt Stuttgart Pfeiffer zum Ehrenbürger.

1917

Das Ehepaar Pfeiffer gründet die Eduard-Pfeiffer-Stiftung, die Alleinerbin des beträchtlichen Vermögens der beiden.

Die Stiftung soll „gemeinnützigen Zwecken dienen, und zwar […] einerseits das leibliche und soziale Wohlbefinden, andererseits die geistige und sittliche Entwicklung der Minderbemittelten fördern“ (Anbringung an den König 1917, zitiert nach „125 Jahre Bau- und Wohlfahrtsverein Stuttgart“, S.25).

Als Einzelaufgaben sind genannt: Körperliche und geistige Förderung von Kindern nichtbemittelter Eltern, Verbesserung des allgemeinen Gesundheitszustands, Hebung der Volksbildung, Milderung der Gegensätze zwischen den Volksklassen und Konfessionen, Belebung des Sparsinns, Erleichterung des Personenkredits und Bekämpfung des Wuchers.

13. Mai 1921

Eduard Pfeiffer stirbt im Alter von 85 Jahren

Eduard Pfeiffer

Am 20. März 1866 gründen engagierte Stuttgarter Bürger den Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen. Initiator, Gründungsvater und intellektueller Kopf des Vereins ist der Bankier und Geschäftsmann Eduard Pfeiffer. Erst seine großzügigen Stiftungen, Schenkungen und günstigen Darlehen machen den großen Erfolg möglich. Neben Ostheim entstehen die Siedlungen Westheim, Südheim und Ostenau, der Verein errichtet zwei Arbeiterwohnheime und ist für die Sanierung der Altstadt verantwortlich.

Pfeiffer wird am 24. November 1835 als dreizehntes Kind des Hofbankdirektors Marx Pfeiffer und seiner dritten Frau Pauline in Stuttgart geboren. In seinen Studienjahren reist er durch Europa, dabei lernt er in England auch die Schattenseiten der Industriellen Revolution kennen: „Das rosige Bild des riesigen Wachstums unserer Industrie und unseres Handels hat leider eine schwarze Kehrseite: es ist dies der Zustand, in dem sich die arbeitenden Klassen befinden“, so schreibt er 1863 in „Über Genossenschaftswesen. Was ist der Arbeiterstand in der heutigen Gesellschaft? Und was kann er werden?“.

Pfeiffer will die arbeitende Klasse an die bürgerliche Gesellschaft anbinden, für ihn der einzige Weg, langfristig den sozialen Frieden zu sichern. Er gehört zu den Wegbereitern und ideologischen Vordenkern der Genossenschaftsbewegung in Deutschland. Am 13. Mai 1921 stirbt Pfeiffer im Alter von 85 Jahren: Hochgeehrt, als Ehrenbürger der Stadt Stuttgart, als geadelte Exzellenz und Geheimer Hofrat. Das kinderlose Ehepaar Pfeiffer vererbt ihr gesamtes Vermögen der 1917 gegründeten Eduard-Pfeiffer-Stiftung.

Dr. Bernd Langner über Eduard Pfeiffer

Dr. Bernd Langner: Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Stuttgart. Promotion über die Bauprojekte des Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen unter Eduard Pfeiffer und dessen Architekt Karl Hengerer. Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge und Führungen zur Stadt-, Kunst- und Baugeschichte Stuttgarts und Württembergs. Beruflich und als Gutachter langjährige Tätigkeit im Denkmalschutz und in Projekten zum Erhalt der Kulturlandschaft. Bis 2013 Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart für Kunst- und Architekturgeschichte. Heute Geschäftsführer des Schwäbischen Heimatbundes e.V. mit Aufgaben in Natur- und Denkmalschutz sowie Landeskultur und Landeskunde.


Industrialisierung in Stuttgart

Im Vergleich zu anderen Metropolen erreicht die industrielle Revolution Stuttgart erst spät. Die abgeschiedene Tallage der Stadt verhindert die Ansiedlung von Industrie, auch gibt es keine Rohstoffe wie etwa im Ruhrgebiet. Noch 1871 zeigt der Blick auf Stuttgart die beschauliche Residenzstadt. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wächst allerdings auch Stuttgart rapide: Mitte der 1860er Jahre hat Stuttgart knapp 70.000 Einwohner, 1895 sind es beinahe 160.000.

Die Landbevölkerung, die nun in der Stadt Arbeit sucht, findet keine Wohnungen mehr. Unterstützt durch Königin Olga führt der Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen 1886 eine große Erhebung durch: Ziel ist es herauszufinden, wie es tatsächlich um die Wohnsituation der Arbeiter bestellt ist. 413 der 3.000 befragten Familien leben mit fünf oder mehr Personen in Zweizimmerwohnungen, 352 Familien müssen ihre Küche oder Kochstelle mit anderen Familien teilen, 537 haben gar keine Küche und müssen in einem der Zimmer kochen. Viele Wohnungen sind feucht, dunkel und schlecht belüftet.

Ein besonderes Problem, so das Ergebnis der Umfrage, ist das Schlafgängerwesen. Schlafgänger nannte man Arbeiter, die gegen ein geringes Entgelt ein Bett für nur einige Stunden in einer fremden Wohnung mieteten. Der Verein gründet gemeinsam mit dem Arbeiterbildungsverein die Stiftung Arbeiterheim. 1890 öffnet das erste Ledigenheim in Stuttgart in der Heusteigstraße 45 seine Tore, das sogenannte Eduard-Pfeiffer-Haus. 240 Schlafgäste finden hier Platz. Zum Angebot gehört preiswerte und gesunde Verpflegung sowie eine Hauswäscherei. Es gibt einen Gemeinschaftsraum und eine Bücherei. Der Preis (zwischen 1,20 und 3 Mark pro Person und Woche) liegt deutlich unter dem freien Wohnungsmarkt. Wegen des großen Andrangs errichtet der Verein bis zum Sommer 1912 ein weiteres Heim, das sogenannte Ledigenheim an der Villastraße unterhalb der Villa Berg. Es bietet auf vier Stockwerken mit 16 Einzel- und 92 Doppelzimmern etwa 200 Bewohnern Unterkunft.

Nachdem die drängendsten Probleme der Schlafgänger gemildert sind, baut der Verein in Ostheim eine Modellsiedlung, in der Familien aus den untersten Einkommensschichten ein attraktives Zuhause finden.

Dr. Bernd Langner über das ausgehende 19. Jahrhundert in Stuttgart


Ostheim – die Arbeiter-Villen-Kolonie

Die Fassaden der Häuser in Ostheim sind so abwechslungsreich wie bürgerliche Gründerzeitvillen: Gotische Bauelemente wechseln sich mit Treppengiebeln und stilistischen Anlehnungen an die Renaissance ab. Damit unterscheidet sich Ostheim grundlegend von Arbeitersiedlungen, wie wir sie aus dem Ruhrgebiet, Berlin oder Großbritannien kennen, in denen sich uniforme Häuserzeilen zu uniformen Straßenzügen verbinden.

„Vom sozialen Gesichtspunkt legen wir Wert darauf, zu zeigen, daß nach unserer Auffassung der Lohnarbeiter keine von den übrigen Berufsarten getrennte Klasse der Bevölkerung bildet, mit dem das Zusammenleben vermieden wird.“ So schreibt es der Verein in seinem Rechenschaftsbericht von 1892/93. Diesen Anspruch soll auch die Architektur widerspiegeln.

Ostheim ist eines der ersten Bauprojekte in Deutschland überhaupt, für deren Entwürfe man einen offenen Wettbewerb ausschreibt. Das Architekturbüro Heim&Hengerer setzt sich mit seinen Entwürfen gegen 52 Mitbewerber durch. Den Architekten ist es gelungen, bürgerliche Architektur darzustellen, dabei die Kosten jedoch gering zu halten.

Neben Heizern und Maschinenbauern wohnen Buchdrucker, Schuhmacher, Diener und Tagelöhner in Ostheim. Auch kleine Beamte, Privatangestellte und Geistliche gehören zur Mieterschaft. Alles zum Leben gibt es vor Ort: In den Eckgebäuden und am Teck-Platz entstehen Geschäfte, es folgen ein Postamt, eine Polizeistation, eine Arztpraxis, eine Schule, eine Bücherei und ein Spielplatz.

In der Schwarenbergstraße 64, am Kopf der Neuffenstraße, errichtet der Verein 1896 eine Kinderkrippe, in der zwischen 50 und 90 Kinder Betreuung finden. Heute beherbergt das schöne Gebäude den Geschäftssitz des BWV.

Dr. Bernd Langner über die Siedlung


Der Architekt Karl Hengerer

Karl Hengerer, gerade 30 Jahre alt als er Ostheim baute, wird in den kommenden Jahren der wichtigste Architekt des Vereins. Er entwirft die Siedlungen Ostenau und Südheim und ist an der Sanierung der Altstadt beteiligt. War Pfeiffer der Idealist und Theoretiker, ist Hengerer der Praktiker an seiner Seite.

Dr. Bernd Langner über den Architekten


Meilensteine des Vereins zu Pfeiffers Lebzeiten

  • Meilestein 1866
    1866: Aktuelle politische Entwicklungen machen alle Planung zunichte, bevor die Arbeit des Vereins richtig starten kann: Im Deutschen Krieg von 1866 zieht das Königreich Württemberg als Bündnispartner Österreichs gegen Preußen in die Schlacht. Der Verein entschließt sich, die bisher verfügbaren Mittel der Stadt als Darlehen zu gewähren, damit diese städtische Bauarbeiten zur Arbeitsbeschaffung bezahlen kann. Insgesamt sichert der Verein damit von Juli bis September 1866 rund 270 Arbeitern aller Berufszweige den Unterhalt.

Heute: Die Menschen in Ostheim

Das Ehepaar Kloz betreibt das Friseurgeschäft am Eduard-Pfeiffer-Platz.

Ursl Kloz

Ursl Kloz

Friseurmeisterin

Ursl Kloz begann hier 1989 als Salonleiterin und übernahm das Geschäft 1990.

„Als ich damals aus München zugezogen bin, kannte ich Ostheim nicht, aber ich habe mich gleich sehr wohl gefühlt hier. Der Platz mit dem Brunnen, die Ruhe und das viele Grün, ich fand es einfach nur schön. Ein bisschen ist die Zeit hier stehen geblieben, es ist nicht so hektisch und die Menschen hier sind sehr bodenständig und verlässlich. 80 bis 90 Prozent unserer Kundschaft ist Stammkundschaft, die teilweise schon über 20 Jahre zu uns kommt. Und seitdem der Bau- und WohnungsVerein begonnen hat die alten Häuser originalgetreu zu sanieren, blüht das Viertel richtig auf.“

Marius Kozow-Kloz

Marius Kozow-Kloz

Maskenbildner und Friseur

Marius Kozow-Kloz stammt ursprünglich aus Polen und arbeitet seit 2000 mit im Geschäft.

„In den letzten Jahren ziehen vermehrt auch jüngere Leute nach Ostheim weil die Mieten, verglichen mit anderen Stadtteilen, noch erschwinglich sind und weil die Lebensqualität hier gut ist – die Siedlung hat eine gute Energie. 2014 wurde auch dieses Haus komplett saniert und wir konnten den Laden nach unseren Vorstellungen neu gestalten, jetzt fühlen wir uns noch wohler. Inzwischen bin ich für die „alten“ Ostheimer auch kein Neigeschmeckter mehr, sondern fast schon einer von ihnen – das ist eine große Ehre für mich.“

Die Familie Staib – drei Generationen unter einem Dach

Ingrid Staib zog 1961 mit ihrem Mann und dem ältesten Sohn in die Neuffenstraße 12. Dort lebt Sie heute noch, genauso wie ihr zweiter Sohn Frank und lange Zeit auch ihr Enkel Stephan. Drei Genrationen berichten vom Leben in Ostheim.

Morgen: Besitz verpflichtet

Geschäftsstelle des BWV

Die Geschäftsstelle des BWV heute

Johann Wolfgang von Goethe wird das geflügelte Wort zugesprochen: „Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Das beschreibt die Situation des Bau- und WohnungsVereins Stuttgart sehr gut und auch den Anspruch, den der Verein an sich selber stellt. Die historischen Gebäude sind ein reiches Erbe, machen aber auch viel Arbeit. Und nicht nur das: Das ideelle Erbe, das der Verein von seinem Gründungsvater Eduard Pfeiffer mit auf den Weg bekommen hat, muss auf moderne Lebenswirklichkeiten übertragen werden – ebenso wie die Grundrisse und die technische Ausstattung der alten Häuser.

Einen Teil der Sanierungen, Reparaturen und Bauarbeiten führt in Ostheim der vereinseigene Bauhof durch. Gegründet wurde er 1947, damals vor allem, um Kriegsschäden zu beseitigen. Heute beschäftigt der Bauhof 19 Mitarbeiter. Vor einigen Jahren ist er aus Ostheim in einen Neubau in der Ulmer Straße 160 in Stuttgart-Wangen gezogen.

Wer sich daran macht, alte Häuser wie die in Ostheim zu sanieren, muss oft erfinderisch sein und Liebe zum Detail entwickeln: Die Gebäude sind einfach nicht für moderne Bautechnik ausgelegt. Beispielsweise würde Betonestrich, wie er bei Neubauten zum Einsatz kommt, in den kleinen Häusern zu viel der Bodentiefe wegnehmen. Der BWV verwendet deswegen hochwertigen Gussasphalt als Unterschicht für den Fußbodenbelag. Dieser ist nicht dicker als drei Zentimeter, hat dabei aber eine sehr gute Wärmedämmung und vermindert den Trittschall.

In Ostheim findet Altes und Neues in vielfacher Hinsicht gut zusammen. Viele der Wohnungen hinter den historischen Fassaden sind modern, mit angepassten Grundrissen, Balkonen und zeitgemäßer Dämm- und Heiztechnik. Viele Mieter leben schon sehr lange hier, eine gewachsene soziale Gemeinschaft. Inzwischen ziehen auch häufiger neue Parteien zu, junge Familien entdecken das Viertel für sich.

Das gesunde Gleichgewicht aus alt und neu zu erhalten, das ist die Herausforderung für die Planer von Ostheim.

Das Mehrgenerationenkonzept Wohnen in Ostheim

Sozialer Wohnungsbau – seit den 1960er Jahren und für lange Zeit bedeutete das vor allem, günstig viele Wohnungen zu bauen. Heute stehen Stadtplaner vor anderen Herausforderungen: Wohnquartiere müssen sich darauf einrichten, dass mehr alte Menschen lange und selbstbestimmt in ihren Wohnungen leben wollen. Und nicht nur das letzte Lebensdrittel der Menschen hat sich geändert: Junge Eltern stehen oft in der Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie.

Dabei können sich die Generationen gegenseitig stützen. Das Viertel zwischen Raitelbergstraße und Alfredstraße ist daher auf die Bedürfnisse sowohl junger als auch alter Menschen zugeschnitten. Die Kita St. Josef befindet sich im Zentrum der Anlage, zu ihr gehört ein geräumiger Spielplatz im Hinterhof des Karrees. Für die älteren Mieter ist  Anna Haag Mobil vor Ort: Der Sozialdienstleister unterstützt im Haushalt und bietet ambulante Betreuung an.

Das soziale Zentrum vom Mehrgenerationenkonzept Wohnen in Ostheim ist das Wohncafé im Erdgeschoss der Rotenbergstraße 110. In dem großzügigen Raum stehen Tischgruppen, vor dem Fenster liegt Spielzeug für die Kinder. Die Bewohner treffen sich hier zum Mittagessen, auf Kaffee und Kuchen, zu Informationsveranstaltungen oder um die nachbarschaftliche Hilfe zu organisieren.

Als der BWV 2009 mit den Arbeiten für das neue Quartier begann, waren von den neun alten Häusern auf dem Areal sieben so baufällig, dass sie abgerissen werden mussten. An ihrer Stelle entstanden sechs neue Häuser. Zwei Gebäude aus der Gründerzeit konnten erhalten und neubaugleich saniert werden. Auf insgesamt 11.300 qm Wohnfläche verteilen sich heute 136 moderne Wohnungen. Darunter befinden sich kleine Ein-Zimmer-Appartements mit 37 qm, die sich auch alleinstehende Senioren mit schmalen Renten leisten können, ebenso wie geräumige Fünf-Zimmer-Wohnungen mit 127 qm für Familien. 59 Wohnungen sind barrierefrei. Da sich die Neubauten in der Fassadengestaltung an den prägnanten historischen Gebäuden orientieren, blieb der besondere Charme des alten Viertels erhalten.

Das Projekt ist in Zusammenarbeit mit dem Verein Integrative Wohnformen e.V. entstanden, den der Verein gemeinsam mit zwölf weiteren Stuttgarter Wohnungsunternehmen im Frühjahr 2009 gründete.

Claus Fischer

Claus Fischer

Architekt, Technischer Leiter beim BWV

„Für die Wohnungen in Ostheim können Mieter Wohngeld über das Sozialamt beantragen. Für soziale Wohnungen haben wir bei den Neubauten eine hohe Qualität. Wir sind als Verein nicht in erster Linie dem Gewinn verpflichtet, deswegen können wir nachhaltiger planen und bessere Materialien einsetzen, die einfach länger halten. Beispiel Parkett: PVC müsste man nach 10 Jahren raus reißen, Parkett hält wesentlich länger.“

Jochen Müller

Jochen Müller

Architekt beim BWV

„Das Gebäude auf der Rotenbergstraße 112 – 116 war nicht denkmalgeschützt, wir hätten es also auch abreißen können. Wahrscheinlich wäre das für uns günstiger gewesen. Aber es war sehr wichtig, das Gebäude zu erhalten. Die alten Fassaden geben dem Quartier ihren Charakter. Es braucht das Alte, damit das Neue dazu passt.“

Hartmut Hörmann

Hartmut Hörmann

Architekt beim BWV

„Wir haben in der Rotenbergstraße 112 – 116 die Wände innen gedämmt, um die historische Fassade zu erhalten. Vor ein paar Jahren hat noch jeder Architekt im Studium gelernt, dass das nicht geht. Die Firma Sto hat das in einem Pilotprojekt umgesetzt: Vier Jahre hat sie dafür in einem der Räume Messungen durchgeführt und verschiedene Wetterbedingungen simuliert. Am Ende sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden.“

  • Die Nachkriegsgebäude Rotenbergstraße 124+126 wurden generalsaniert ...